Redeschmuck


"Redeschmuck"

Darunter versteht man seit der Antike alles, was über pure Informationsvermittlung in einem Text hinausgeht. Unterschieden wird zwischen "Tropus" (Mehrzahl: "Tropen") und "Figur". Unter dem Dach der Tropen sind alle Spielarten des Redeschmucks versammelt, mit denen man einzelne Wörter übertragen, also nicht in ihrem eigentlichen Sinn, gebraucht. Zu den Figuren zählt man sowohl die kunstvoller Verknüpfung mehrerer Wörter als auch jene überaus nützlichen rhetorischen Mittel, die man Gedankenfiguren nennen könnte. Ohne dass es den Sprechern bewusst ist, werden die meisten dieser Tropen und Figuren auch im Alltag oft gebraucht. Das folgende kleine Verzeichnis soll Anregungen geben, mit welchen vielfältigen sprachlichen Mitteln aus einer nüchternen Darlegung eine lebendige Rede werden kann.

Aber auch der Redeschmuck sollte maßvoll eingesetzt werden. Gehäuft wirkt er oft manieriert und aufdringlich und lenkt möglicherweise vom Wesentlichen ab. Es ist nicht schwierig, Figuren zu konstruieren; aber dies so kunstvoll zu tun, dass der Zuhörer weder dieses Konstruieren noch die Kunst bemerkt, darin liegt die Meisterschaft. Insbesondere beim Lesen von Romanen, auch älteren, kann man hier auf zahlreiche Vorbilder stoßen.

 

Metapher: Ein verkürzter Vergleich, der das eigentlich Gemeinte sinnlich fassbar und dringlicher macht dadurch, dass Belebtes für Belebtes, Unbelebtes für Unbelebtes, Belebtes für Unbelebtes, Unbelebtes für Belebtes steht.

Beispiele: Hirte (=Pfarrer) - das Schiff pflügt das Meer - ein himmelschreiendes Unrecht - in der Blüte seiner Jahre - steinernes Herz - Betonkopf

Metonymie: Metapher, bei der aber eine reale Beziehung zwischen dem eigentlichen und dem verwendeten Wort steht: Die Person steht für die Sache, das Gefäß für den Inhalt, der Ort für die Personen die dort leben der Grund für die Folge, das Abstraktum für das Konkretum, ein Symbol für das Gemeinte.

Beispiele: Ich lese den neuesten Botho Strauß. - Wir treffen uns auf ein Glas. - Er schreibt einen ärgerlichen Brief (=er ist ärgerlich und schreibt einen entsprechenden Brief) - Wohlstand ziert sein Haus. - Sie haben Ring gewechselt (=geheiratet)

Synekdoche: Metonymie in quantitativer Hinsicht: Der Teil steht für das Ganze ("Pars pro Toto"), die Gattung für die Art, der Rohstoff für das Fertigprodukt, die Einzahle für die Mehrzahl (und umgekehrt)

Beispiele: unter deutschen Dächern (=Häusern) - der Buchstabe des Gesetzes (=Wortlaut) - ein kostbarer Stein (=Edelstein) - er schlenzt das Leder ins Tor (=den Fußball) - solche Leute habe wir im Haus (=so ein Mensch wohnt in meinem Haus)

Emphase: Ersetzung einer präzisen Bezeichnung durch eine weniger präzise mit größerem Bedeutungsumfang, um durch sprachliche Ungenauigkeit etwas zu verhüllen oder mit einer größeren Geste sagen zu können.

Beispiele: auch sie sind Menschen (=nicht ohne Fehler) - sie steht ihren Mann (=sie bewährt sich, ist tüchtig)

Hyperbel: Überbietung des eigentlichen Wortes, besonders eine glaubwürdige Überbietung, die aber gerade auf ein gefühlsmäßiges Engagement (z.B. Begeisterung) hindeutet. Gewagte Hyperbeln sollte man mit einer vorsichtigen Einführungsformel (z.B. "wenn man so sagen darf", "geradezu") abmildern.

Beispiele: schneeweiße - härter als jeder Diamant - der (vielleicht) gewitzteste Erpresser seit "Dagobert"

Antonomasie: Ein Eigenname wir durch einen Beinamen oder eine Umschreibung ersetzt.

Beispiele: der eiserne Kanzler (=Bismarck) - seine Venus (=Geliebte) - der Jünger, den er lieb hatte (=Johannes)

Litotes: Ein Wort wird durch die Verneinung seines Gegenteils ausgedrückt. Dadurch wird die Steigerung es tatsächlich Gemeinten erreicht. Dieses sparsame Ausdrucksmittel - eine Kombination aus Emphrase und Ironie - eignet sich besonders, gegen übertriebene Äußerungen des Gegners zu protestieren.

Beispiele: nicht gerade oft (=sehr selten) - nicht das Klügste (=beinahe das Dümmste)

Paraphrase/Periphrase: Umschreibung des eigentlichen Wortes, um - ähnlich wie bei der Antonomasie - Abwechslung im Ausdruck zu erreichen oder anstößige bzw. unpassende Wörter zu vermeiden. Allzu ausgetüfftelte Paraphrasen klingen gestelzt, Verfremdungseffekte können aber beabsichtigt sein.

Beispiele: eine gepolsterte Sitzgelegenheit (=Sessel) - da, wo der Kaiser zu Fuß hingeht - ein Getränk von chinesischen Kräutern (=Tee)

Geminatio: wörtliche Wiederholungen an einer  beliebigen Stelle im Satz.

Beispiele: Geh! Geh, und komm nicht wieder! - Das war einmal, war einmal, vergesst das nicht!

Anadiplose: Das Wort am Ende eines Teilsatzes wird am Anfang des nächsten wiederholt.

Beispiele: Sie ist eine kluge Frau, eine Frau, die noch nie... - Wie Sie das nennen, ist mir egal, nicht egal ist mir, dass...

Gradatio/Klimax: eine fortschreitende Anadiplose, die entweder eine Steigerung im Ausdruck bewirkt, oder eine logische Gedankenkette vortäuscht.

Beispiele: Sein Unternehmungsgeist brachte dem Africanus Tüchtigkeit, seine Tüchtigkeit Ruhm, sein Ruhm Rivalen. (Rhetorica ad Herennium) - Wem man nicht glaubt, hat keinen Kredit; wer keinen Kredit hat, kann nicht bezahlen; wer nicht bezahlen kann, bekommt jetzt kein Bier mehr.

Redditio: Das die Aussage einleitende zentrale Wort wird an deren Ende wiederholt.

Beispiele: Geh mit Gott, aber geh!

Anapher/Epipher/Complexio: Anapher ist die Wiederholung einer oder mehrerer Wörter zu Beginn aufeinander folgender Sätze oder Satzteile, Epipher dasselbe am Ende aufeinander folgender Sätze oder Satzteile und Complexio die Verbindung von Anapher und Epipher, die auf diese Weise das Beharrliche, Insistierende der Anapher mit dem ruhigen Ausklang der Epipher verbindet. Wirkungsvoll sind die Figuren vor allem in Verbindung mit einer Parallelkonstruktion.

Beispiele: Was wir denken, ist nachgedacht, was wir tun, ist chaotisch, was wir sind, ist unklar. (Thomas Bernhard; Anapher) - Er will alles, kann alles, tut alles. (Epipher) -  Der Verstorbene war ein Muster an Güte; der Verstorbene gewann sich Freunde durch Güte; der Verstorbene lebte nach den Maximen der Güte.

Paranomasie: Spiel mit den Wörtern, die sich lautlich nur geringfügig voneinander unterscheiden, aber durch die Verbindung eine interessante Bedeutungsspanne aufbauen, die bis ins Paradoxe gehen kann.

Beispiele: Wir wollen ihn nicht vernehmen; aber vornehmen könnten wir  ihn uns. - Die Regierung besteht aus Delegierung des Wichtigen und Dirigierung des Nichtigen.

Synonymie: Synonyme sind Wörter mit gleicher Bedeutung, wobei echte Synonyme sehr selten sind. ("Gespräch" und "Unterredung" sind zwar weitgehend synonym, aber nicht in allen Nuancen.) Die Häufung von Synonymen macht eine Aussage sehr eindringlich. Das Hendiadyoin drückt einen Begriff durch zwei Synonyme aus, was der Sache mehr Nachdruck verleihen oder helfen kann, mehrere Facetten zum Ausdruck zu bringen, aber oft schwerfällig wirkt.

Beispiele: Sie schreien, schluchzen, klagen. -Hilfe und Beistand

Homonymie: Homonyme sind Wörter, deren Gestalt zwar identisch, deren Bedeutung aber verschieden sind (sog. "Teekesselchen"). Ihre Verwendung dient vor allem der Unterhaltung, dem intellektuellen Genuss.

Beispiele: Es ist traurig, in welche Umstände einen andere Umstände versetzen können! Was für Wochen hab ich erlebt, seit meine Mutter in die Wochen kam! (Büchner, Leonce und Lena)

Distinctio: Ein Wort wird zunächst in seiner allgemeinen Bedeutung verwendet, dann aber in einem emphatisch verdichteten Sinne, wodurch eine Steigerung oder auch eine Wendung ins Ironische bewirkt werden kann.

Beispiele: Ein Fest anzuzetteln ist leicht; damit es wirklich ein Fest wird, braucht es sehr viel mehr.

Reflexio: Eine Distinctio in Dialogform, bei der der zweite Gesprächspartner ein Wort des ersten aufgreift und in seinem Sinne emphatisch umwendet.

Beispiele: ... und das nennt dieser Mensch Dummheit. Ich aber sage, das ist eine Dummheit, die mehr Sachverstand zeigt als alle seine Gegenvorschläge zusammen.

Enumeratio, Aufzählung/Polysyndeton/Asyndeton: Sie steigert die Eindringlichkeit einer Aussage, wenn sie geschickt aufgebaut wird, sei es dass die Glieder.... Fortsetzung folgt!

Zuletzt aktualisiert am Dienstag, 03. November 2009 11:23

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